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Winterdepression

Kurz bevor der Frühling kommt, kennt so manche:r von uns in Mitteleuropa eine regelrechte Sonnen-Hungrigkeit und ein deutliches Stimmungstief. Dieser sogenannte Winterblues ist relativ weit verbreitet. Bei einer echten Winterdepression handelt es sich jedoch um ein seltener auftretendes, ernstzunehmendes Krankheitsbild.

Depressionen gehören neben Angststörungen zu den besonders häufigen Erkrankungen der Psyche. Ähnlich wie andere psychische Krankheitsbilder (z. B. Trauma oder Krise) wird auch das Wort Depression sehr häufig zu unrecht verwendet. Nicht jede Traurigkeit und nicht jede Antriebslosigkeit ist mit einem depressiven Krankheitsbild gleichzusetzen. Häufig hört man auch den Begriff der „Winterdepression“, wenn es eigentlich um einen „Winterblues“ geht. Wo die Unterschiede liegen, wie man eine echte saisonale Depression erkennt und was man dagegen unternehmen kann, davon handelt dieser Artikel.

Winterdepression: Symptome und Ursachen - © Canva

So unterscheidet sich eine Winterdepression von einem einfachen Winterblues – © Canva

Überblick: Winterdepression

In diesem Artikel erhalten Sie ausführliche Antworten zu den folgenden Fragen:

Definition: Was ist eine Winterdepression?

Als Winterdepression wird umgangssprachlich eine Form der sogenannten saisonal abhängigen Depression (SAD) bezeichnet. Dabei handelt es sich um die häufigste Form der jahreszeitlich wiederkehrenden Depression. Man spricht also von wiederkehrenden depressiven Phasen im Herbst und Winter als Winterdepression. Frauen sind von der Winterdepression deutlich häufiger betroffen als Männer. Charakteristisch für die saisonal abhängige Depression ist – wie der Name bereits sagt –, dass die depressiven Zustände dabei regelmäßig immer nur zu einer bestimmten Zeit im Jahr auftreten.

Typisch für eine Winterdepression ist darüber hinaus, dass zu den klassischen Depressions-Symptomen auch atypische Symptome hinzukommen – also Beschwerden, die man normalerweise nicht mit einer Depression in Verbindung bringen würde. Winterdepressionen treten in höheren Breitengraden häufiger auf. Jüngere Menschen sind dabei eher gefährdet, saisonal depressive Episoden im Winter zu erleben. Studien aus verschiedenen Teilen der Welt zeigen, dass Betroffene durchschnittlich um die 40 (plus minus 10) Jahre alt sind.

Symptome: Wie fühlt sich eine Winterdepression an?

Bei der Winterdepression treten mehrere der folgenden Symptome nur im Herbst und Winter auf:

Neben diesen für die Depression charakteristischen Symptomen sind bei der Winterdepression auch noch atypische Symptome zu beobachten. Dazu gehören:

Bei einer Winterdepression fühlt man sich depressiv verstimmt oder interessens- und freudlos für die meiste Zeit des Tages und an den meisten Tagen der Woche. Dazu können weitere der oben genannten Symptome kommen. Charakteristisch für die Winterdepression ist, dass man sich nur bis in den Frühling hinein so fühlt, bevor die Symptome im Frühjahr und Sommer vorübergehend nachlassen, um dann im nächsten Herbst oder Winter wieder aufzutreten.

Ursachen der Winterdepression

Als Auslöser der Winterdepression gilt die veränderte Lichtsituation im Herbst und Winter. Genau genommen wird vor allem die Minderung von Dauer und Intensität des Tageslichtes als auslösender Faktor angenommen. Zur Ursache der saisonal abhängigen Depression in Herbst und Winter gab und gibt es verschiedene Hypothesen.

Melatonin-Hypothese Als bedeutender Neurotransmitter gilt Melatonin im menschlichen Körper. Die saisonal abhängige Depression wurde am Anfang der evidenzbasierten Forschung mit Veränderungen des Melatonin-Stoffwechsels in Verbindung gebracht.
Phasenverschiebungshypothese Bei dieser Theorie wird angenommen, dass der Beginn der nächtlichen Abgabe von Melatonin bei Betroffenen der Winterdepression im Winter eine Phasenverspätung im Vergleich zum Sommer zeigt.
Serotonin-Regulation Bei der Serotonin-Hypothese geht es darum, dass Serotonin eine zentrale Bedeutung bei der Entstehung einer Winterdepression haben könnte. Es wird vermutet, dass Winterdepressions-Patient:innen von einer gestörten Serotoninaktivität betroffen sind.
Genetische Prädisposition Zwar ist wissenschaftlich derzeit nicht klar, ob die Winterdepression eine vererbbare psychische Erkrankung ist, allerdings haben Zwillingsuntersuchungen darauf hingedeutet, dass eine genetische Krankheitsanfälligkeit vor allem für saisonale Veränderungen in den Herbst- und Wintermonaten beobachtet werden kann.

Unterschied: Winterblues und Winterdepression 

Ein Stimmungstief im Winter kennen in Mitteleuropa wohl viele Menschen. Kein Wunder: Während es im Sommer um 19 Uhr noch taghell ist und die Schanigärten draußen einladend wirken, ist es im Winter bereits zwei Stunden vorher stockfinster und draußen recht ungemütlich. Wenig überraschend also, dass wir saisonale Schwankungen erleben und uns im Winter müder oder weniger unternehmungslustig fühlen. Dass wir Menschen über sogenanntes „braunes Fettgewebe“ verfügen, das bei Säugetieren u. a. zum Erwachen aus dem Winterschlaf dient, könnte außerdem ein Hinweis darauf sein, dass unsere Vorfahren im Winter einen ganz anderen Rhythmus gelebt haben als wir heute. Denn die sogenannte innere Uhr lässt uns nicht nur einen Tag-Nacht-Rhythmus wahrnehmen, sondern auch einen saisonalen. Durch elektrisches Licht ist diese saisonale innere Uhr allerdings heute weniger spürbar. Unsere Vorfahren waren in der kalten Jahreszeit hingegen deutlich weniger aktiv. Denn wer mit dem Sonnenaufgang aufsteht und sich mit dem Sonnenuntergang schlafen legt, schläft im Winter rund 14 Stunden. Im Sommer nur acht.

Dass wir uns in der kalten Jahreszeit also weniger aktiv fühlen, ist also durchaus plausibel.  Mangelnde Bewegung und vermindertes Sonnenlicht tun ihr übriges dazu, dass in Mitteleuropa etwa 13 bis 15 Prozent der Menschen einmal im Leben von einem Winterblues betroffen sind. Ein solcher Winterblues wird auch depressive Verstimmung oder subsyndromale saisonal abhängige Depression genannt. Bei einem solchen Winterblues können ebenso Symptome auftreten, die an eine Depression erinnern. Dazu gehören beispielsweise:

Der wichtigste Unterschied zwischen einer depressiven saisonalen Verstimmung bzw. einem Winterblues und einer manifesten Winterdepression ist die Einschränkung der Alltagstauglichkeit. Während bei einem saisonalen Stimmungstief die Fähigkeit, den Alltag trotz der stimmungsdrückenden Symptome zu bewältigen, aufrecht bleibt, kann der Alltag von Betroffenen der echten Winterdepression nur mehr sehr schwer oder gar nicht mehr bewältigt werden. Von einer manifesten Winterdepression sind überdies viel weniger Menschen betroffen als von einem Winterblues: Für Mitteleuropa werden für manifeste saisonale Depressionen Prävalenzzahlen von 4 bis 6 Prozent angenommen.

Diagnose: So wird eine Winterdepression diagnostiziert

Im DSM (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders – diagnostisch statistischer Leitfaden psychischer Störungen) und der Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (ICD) ist die Winterdepression den rezidivierenden depressiven Störungen zugeordnet. Im DSM-5 wird die Winterdepression mit dem Zusatz „Mit saisonalem Muster“ geführt. Diagnostiziert werden kann eine saisonal abhängige Depression im Winter demnach immer dann, wenn:

Können die Diagnosekriterien der depressiven Störung (Major Depression) mit den Zusatzkriterien in Verbindung gebracht werden, kann die Winterdepression tatsächlich diagnostiziert werden.

Im DSM-5 wird dezidiert darauf hingewiesen, dass für eine Diagnose Fälle nicht infrage kommen, wenn die jahreszeitliche Regelmäßigkeit mit psychosozialen Faktoren einhergeht. Wenn depressive Symptome z. B. aufgrund einer regelmäßigen Arbeitslosigkeit im Winter eher durch psychosoziale Faktoren zu erklären sind, treten diese zwar in einer bestimmten Jahreszeit auf, sind allerdings nicht als saisonale Depression zu werten. 

Behandlung: Therapie bei Winterdepression

Als hilfreiche Form der Behandlung hat sich bei der Winterdepression die Lichttherapie herauskristallisiert. Eingesetzt wird dafür eine Lichtstärke, die einen hellen Tag simuliert. Das ist bei etwa 10.000 Lux der Fall. Mehrere Studien belegen die antidepressive Wirkung der Lichttherapie, welche die Produktion von Melatonin hemmt. Bei der saisonal abhängigen Depression gehen die Symptome bei 60 bis 90 Prozent der Patient:innen nach zwei bis drei Wochen Therapiedauer mit Lichtbehandlung zurück.

Schon nach drei bis vier Tagen tritt bei der Lichttherapie eine Wirkung ein. Das ist ein schnellerer Wirkeintritt, als dies bei Antidepressiva der Fall wäre. Werden 10.000 Lux, wie oben erwähnt, zur Behandlung der Winterdepression eingesetzt, beläuft sich die Dauer der Therapie auf täglich 30 Minuten. Wird mit einer Lichtintensität von 2.500 Lux behandelt, so erhöht sich die Dauer auf zwei Stunden pro Tag. Am erfolgreichsten ist die Lichttherapie, wenn sie frühmorgens angewendet wird und Patient:innen mit den Augen zwischen 60 und 80 cm von der Lichtquelle entfernt sind.

Wenn Betroffene nicht auf die Behandlung mittels Lichttherapie ansprechen, so ist die pharmakologische Behandlung mit Antidepressiva eine weitere Therapiemöglichkeit. Bei beiden Behandlungsvarianten kann auch die zusätzliche Therapie in Form von Psychotherapie angedacht werden.

Prognose: So verläuft die Winterdepression

Eine Winterdepression entsteht – wie der Name bereits sagt – im Herbst oder im Winter. Wie weiter oben geschildert, hat sich die Lichttherapie bei der Winterdepression für viele Betroffene bewährt. Bei richtiger Behandlung können die Symptome der Winterdepression demnach rasch abklingen. Charakteristisch nehmen die Beschwerden Richtung Frühling hin ab und sind im Sommer bei einer winterlich saisonalen Bedingung typischerweise ganz verschwunden.

Selbsthilfe: Was kann man gegen eine Winterdepression tun?

Bei einer Winterdepression handelt es sich um eine manifeste saisonal affektive Störung, die ein ernstzunehmendes Krankheitsbild der Psyche darstellt. Sollten sie vermuten, von einer saisonal abhängigen Depression – also der tatsächlichen Winterdepression – betroffen zu sein, wenden Sie sich bitte an Fachärzt:innen für Psychiatrie, Psychotherapeut:innen oder Klinische und Gesundheitspsycholog:innen.

Wer hingegen von einem saisonalen Stimmungstief bzw. von einem Winterblues betroffen ist, der kann gleich mehrere Maßnahmen zur Selbsthilfe ergreifen:

 

Quellen:

S. Kasper, E. Pjrek, Diagnose und Behandlung der subsyndromalen SAD (abgerufen am 04.07.2023)

Peter Falkai und Hans-Ulrich-Wittchen (Hrsg.): Diagnostisches und Statistisches Manual Psychischer Störungen DSM-5, 2. korrigierte Auflage, Göttingen (2018), S. 253, 217 & S. 252

Konstantinidis, J. Stastny, D. Winkler, N. Thierry, E. Pjrek, R. Wimmer, A. Heiden, S. Kasper, Journal für Neurologie, Neurochirurgie und Psychiatrie: Diagnose, Ätiologie und Therapie der saisonal abhängigen Depression (SAD) (abgerufen am 04.07.2023)

Nowotny, Monika; Kern, Daniela; Breyer, Elisabeth; Bengough, Theresa; Griebler, Robert (Hg.): Depressionsbericht Österreich. Eine interdisziplinäre und multiperspektivische Bestandsaufnahme. Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Konsumentenschutz. Wien (2019), S. 183

www.deutsche-apotheker-zeitung.de, Braunes Fettgewebe – physiologische Funktion und Relevanz (abgerufen am 04.07.2023)