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Sucht: Was Sie als Betroffene oder Angehörige über Abhängigkeit wissen sollten

Sucht ist eine Erkrankung der Psyche, die mit Krisen, Traumata, Angststörungen und Depressionen einhergehen kann. Doch ab wann spricht man eigentlich von einer Sucht? Woran erkennt man sie? Und was bedeutet Abhängigkeit für die Betroffenen und ihre Angehörigen. Hier finden Sie einen Leitfaden zum Thema.

Auf die ein oder andere Art ist wohl jeder von uns schon einmal mit dem Thema Sucht konfrontiert gewesen. Denn es geht bei Suchterkrankungen keineswegs immer nur um harte, illegale Drogen, sondern vor allem auch um legale Drogen, die in Österreich besonders häufig zu Abhängigkeiten führen. So ist die Abhängigkeit von legalen Zigaretten die häufigste Sucht der Österreicherinnen und Österreicher. Und nach Schätzungen trinkt hierzulande etwa jede siebte Person Alkohol in einem gesundheitsschädigenden Ausmaß. Männer sind dabei häufiger von Alkoholproblemen betroffen als Frauen. Grund genug, sich dem Thema Sucht ausführlich zu widmen.

Was ist Sucht?

Medizinisch wird Sucht heute als Substanzmissbrauch oder als Abhängigkeit bezeichnet. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) spricht dann von Abhängigkeit, wenn – sinngemäß – mit Drogen wiederkehrende oder anhaltende Vergiftungen wiederholt hervorgerufen werden. Eine Abhängigkeit in diesem Sinne geht auf eine Fehlsteuerung im Gehirn zurück, die mit dem Belohnungssystem zu tun hat. Suchtmittel aktivieren bestimmte Botenstoffe, die für Glück und Zufriedenheit sorgen, so dass das Gehirn die Drogen bald mit dem von ihr ausgelösten angenehmen Reiz in Verbindung bringt. Wenn das Gehirn diesen Reiz nun nicht erhält, entsteht ein Defizit im Belohnungszentrum, das neuerlich das Verlangen nach der Substanz aufflammen lässt. Abhängigkeit ist damit – entgegen dem Volksglauben – kein schlichtes Problem mit der persönlichen Willensschwäche, sondern eine Erkrankung, die im Gehirn sichtbar gemacht werden kann.

Diese Kriterien müssen für Sucht erfüllt sein

Eine feuchtfröhliche Hochzeit folgt der nächsten und unter der Woche hat man mit Tante Mitzi beim Geburtstag auch gern auf Ihr Wohl angestoßen. Muss man da schon an ein Suchtproblem denken? Um eine Abhängigkeit zu diagnostizieren, braucht es einige Parameter, die über einen bestimmten Zeitraum gegeben sein müssen. Dazu gehören:

  1. Verlangen: Es herrscht ein starkes Verlangen danach, eine Substanz zu konsumieren.
  2. Kontrollverlust: Betroffene können die Menge und die Dauer sowie den Zeitpunkt der Substanzzufuhr nur mehr vermindert oder gar nicht kontrollieren.
  3. Toleranzentwicklung: Davon ist die Rede, wenn man immer mehr der gleichen Substanz zuführen muss (konstante Steigerung der Dosis), um die gleiche Wirkung zu erzielen, da der Organismus eine gewisse Toleranz entwickelt hat.
  4. Entzugserscheinungen: Hat man keinen Zugriff auf die Substanz, entstehen körperliche oder psychische Entzugserscheinungen.
  5. Interessensverlagerung: Bisherige Interessen treten in den Hintergrund, dafür gewinnt die Beschaffung, der Konsum und die Erholung vom Substanzkonsum eine zunehmend größere Bedeutung.
  6. Schädigung: Die Substanz wird weiter konsumiert, obwohl dadurch gesundheitsschädigende oder sozial negative Folgen nachweislich sind.

Sind zumindest drei der oben stehenden sechs Kriterien im Laufe der vergangenen 12 Monate vorhanden gewesen, so kann von einem Abhängigkeitssyndrom gesprochen werden. 

Formen der Sucht

Die oben beschriebenen Kriterien für Abhängigkeit lassen sich nicht nur auf Substanzen, sondern zum Teil auch auf Verhaltensweisen übertragen. Denn es gibt nicht nur stoffgebundene Abhängigkeiten, sondern auch sogenannte „nicht stoffgebundene“ Süchte. Man unterteilt Sucht demnach in die folgenden beiden Formen:

Stoffgebundene Sucht Bei dieser Form der Sucht sind Betroffene von bestimmten Substanzen abhängig. Dabei kann es sich zum Beispiel um Alkohol, Nikotin, Drogen oder Medikamente handeln.
Nicht stoffgebundene Sucht Von nicht stoffgebundenen Abhängigkeiten spricht man dann, wenn Menschen von bestimmten Verhaltensweisen abhängig sind. So gibt es beispielsweise die Spielsucht, die Kaufsucht, die Arbeits- oder auch die Sexsucht.

Gründe und Auslöser: So können Süchte entstehen

Den einen Weg in die Sucht gibt es nicht. In den allermeisten Fällen handelt es sich um verschiedene Faktoren, die gemeinsam an einer Suchtentstehung beteiligt sind. Zu diesen Faktoren gehören die eigene Persönlichkeit, der Selbstwert, die individuelle Resilienz, die Art und Weise des entsprechenden Suchtmittels, das soziale Umfeld sowie auch die verschiedenen Erfahrungen, die ein Mensch im Laufe seines Lebens macht. Am Beginn einer Abhängigkeit steht häufig der Versuch einer Bewältigungsstrategie. Gerät ein Mensch in eine Krise, kann beispielsweise der Griff zu Beruhigungsmitteln oder zu Alkohol in erster Linie der Versuch sein, mit dem Erlebten einen Umgang zu finden. Daher gelten manche Menschen in Krisensituationen als besonders suchtgefährdet.

Welche Süchte gibt es?

Abhängigkeiten können von vielen verschiedenen Substanzen sowie Verhalten entstehen. Bei Sucht denken viele vor allem an illegale Drogen, wie Kokain oder Heroin. Dabei gibt es auch zahlreiche legale Substanzen, von denen man abhängig werden kann. Zu den Süchten, die mit legalen Substanzen einhergehen, gehören beispielsweise:

Zu den Abhängigkeiten von illegalen Substanzen gehören beispielsweise:

Auch Halluzinogene, nicht verschriebene Medikamente oder synthetische Drogen gehören zu den illegalen Substanzen, die abhängig machen können.

Bei den nicht stoffgebundenen Süchten kennt man beispielsweise Abhängigkeiten von:

Gefahren der Sucht

Unabhängig davon, welche Substanz missbraucht wird, kann Abhängigkeit immer gesundheitliche, psychische sowie soziale Folgen haben. Je nach konsumiertem Stoff können die Folgen der Abhängigkeit auf körperlicher Ebene von der Entstehung von Krankheiten über chronische Organschäden bis hin zur Lebensgefahr aufgrund von Überdosierungen reichen. Aber auch verunreinigte bzw. gestreckte Substanzen, die am Schwarzmarkt erhältlich sind, können schwer giftige Stoffe enthalten, die zu akuter Gefahr bei der Konsumation führen. Bei Drogen, die mittels Spritzen konsumiert werden, besteht zusätzlich die Gefahr der Übertragung von Krankheiten wie AIDS oder Hepatitis, wenn Substanzen mit verunreinigten Injektionsmitteln injiziert werden. Auch auf sozialer Ebene ziehen Süchte vielfach ernstzunehmende bis existenzielle Gefahren nach sich. Dazu gehört der Verlust von Freundschaften oder des Rückhalts in der Familie genauso wie Jobverlust, Verschuldung oder das Verlieren der eigenen Wohnung. Dies begünstigt wiederum die Gefahr der Kriminalisierung. Auf psychischer Ebene kann Abhängigkeit beispielsweise zu Konzentrations- und Persönlichkeitsverlust, Schlafproblemen und Depressionen führen.

Bin ich süchtig? Diese Anzeichen sprechen für eine Abhängigkeit

Wenn Sie sich die Frage stellen, ob Sie selbst vielleicht bereits ein Abhängigkeitsproblem haben, ist das ein erster wichtiger Schritt der Bewusstwerdung. Um sich ein Bild darüber zu machen, ob ein Verhalten bzw. der Konsum einer Substanz bereits in die Richtung einer Sucht gehen könnte, kann es hilfreich sein, sich die folgenden Fragen ehrlich zu beantworten:

Kontrolle Kann ich noch kontrollieren, wann ich wie viel von einer bestimmten Substanz konsumiere?
Veränderung Brauche ich heute vielleicht schon mehr von einem bestimmten Stoff, um die gleiche Wirkung damit zu erzielen, wie dies womöglich vor einiger Zeit der Fall war?
Stimmen des Umfelds Haben sich Kolleginnen und Kollegen, Freundinnen und Freunde, Partnerinnen und Partner oder Familienmitglieder eventuell bereits besorgt über meinen Konsum gezeigt?
Verlangen Merke ich, dass ich ein starkes Verlangen nach der Substanz habe, wenn ich sie nicht konsumiere oder dass sich meine Gedanken ständig darum drehen?
Verstecken Versuche ich, meinen Konsum zu verstecken? Nehme ich die Substanz heimlich zu mir? Oder verleugne ich die Menge der konsumierten Substanz vor anderen?
Umdeutung von Werten Vernachlässige ich Dinge, die mir früher wichtig waren zugunsten der Konsumation eines Stoffes? Sind mir berufliche oder auch private Verpflichtungen zunehmend gleichgültig?
Eigene Zweifel Habe ich schon einmal selbst Zweifel über die Menge des Konsums verspürt und diese dann schöngeredet oder ignoriert?
Körper und Seele Bemerke ich körperliche Folgen oder ein emotionales Ungleichgewicht im Zusammenhang mit dem Substanzkonsum?
Wichtigkeit Habe ich schon einmal etwas mir Wichtiges hintangestellt, um die Substanz konsumieren zu können?

Die oben stehenden Fragen können Sie bei einem Verdacht auf nicht stoffgebundene Abhängigkeiten umwandeln und statt der Substanz das entsprechende Verhalten einsetzen. 

Für Betroffene: Wege aus der Sucht

Der Weg aus der Sucht heraus scheint für viele zu Beginn sehr beschwerlich. Die Vorstellung, eine bestimmte Substanz beispielsweise nie wieder konsumieren zu dürfen, kann enorme Angst auslösen. Um dennoch Wege aus der Abhängigkeit heraus zu finden, kann es wertvoll sein, sich als ersten Schritt bewusst zu machen, warum es sich lohnt, die Sucht hinter sich zu lassen:

Therapiemöglichkeiten für Suchterkrankte

Die oben genannten Gründe sind für einige Menschen ausnehmend gute, um einen Entzug zu machen. Therapiemöglichkeiten für abhängige Menschen sollten dabei immer professionell und individuell abgestimmt sein. Denn in bestimmten Fällen ist beispielsweise ein kontrollierter, stationärer Entzug angezeigt, um Gefahren zu vermeiden. So kann beispielsweise ein Delirium tremens – ein Alkoholentzugssyndrom – unbehandelt lebensgefährlich werden. Wenn Sie sich also dafür entschieden haben, frei von der Droge zu werden, sprechen Sie diesen Entschluss mit Ihrem Arzt oder Ihrer Ärztin ab. Er bzw. sie kennt die nächsten wichtigen Schritte. In Österreich gibt es zahlreiche Einrichtungen, in denen Suchterkrankten stationär sowie ambulant geholfen werden kann. Zu den bekanntesten Einrichtungen gehört wohl das Anton Proksch Institut in Wien bzw. Niederösterreich, das als eines der führenden europäischen Institute im Bereich der unterschiedlichen Suchttherapien gilt. 

Für Angehörige von Suchterkrankten: Was Sie tun können?

Für Angehörige von Suchterkrankten ist die Situation meist besonders belastend. Einerseits sind täglich Persönlichkeitsveränderungen zu beobachten, Ängste werden ausgestanden und die Unsicherheit, wie es jetzt weitergeht, ist für Angehörige oft kaum auszuhalten. Genauso wie der Umstand, dass sie sich häufig extrem verantwortlich dafür fühlen, der abhängigen Person zu helfen. Für Sie als Angehörige ist es wichtig zu wissen, dass es letztlich immer um ein NEIN gehen muss. Das bedeutet ein Helfen durch Nicht-Helfen und darf gleichzeitig ein Ja zur Person beinhalten. Nur wenn Sie die Verantwortung über das Leben der abhängigen Person abgeben (Vertuschen, Geld zustecken, Mahnungen zahlen, Aufräumen, …) spürt diese die Konsequenzen des eigenen Handelns. Das ist häufig die wichtigste Motivation, um einen Entzug zu wagen.

Sie als Angehörige sollten jedenfalls auf Ihre eigenen Grenzen achten, sich nicht erpressen lassen und vor allem selbst Hilfe in Form von Beratung, Selbsthilfegruppen oder Psychotherapie in Anspruch nehmen. Gleichzeitig sollten Sie sich den Dingen zuwenden, die Ihnen guttun. Gehen Sie Ihren eigenen Hobbys nach und versuchen Sie, offen über Ihre Belastungen zu sprechen. 

Co-Abhängigkeit

Im Zusammenhang mit Sucht und Angehörigen ist immer auch das Phänomen der Co-Abhängigkeit zu nennen. Darunter versteht man Menschen, die die Abhängigkeit eines anderen sogar noch festigen, obwohl sie eigentlich das Gegenteil wollen. Co-Abhängigkeit ist ein klassischer Fall von „Das Gegenteil von gut ist gut gemeint“. Entschuldigt beispielsweise eine Ehefrau ihren Ehemann ständig in der Arbeit, weil sie aus gut gemeinten Gründen den Ruf des Ehemannes schützen möchte, so besteht für den Alkoholkranken noch weniger Grund, sein Trinkverhalten zu ändern. Ein solches Verhalten ist typisch für Co-Abhängige, die zumeist geneigt sind, die Verantwortung für die von Sucht betroffene Person zu übernehmen, sie zu schützen, zu entschuldigen, aber auch zu kontrollieren. Häufig herrscht bei Co-Abhängigen der Gedanke vor, dass ohne sie alles den Bach runter gehen würde. Co-Abhängige neigen oft dazu, die eigenen Wünsche und Bedürfnisse zu negieren und machen sich stattdessen stark abhängig von den Befindlichkeiten der bzw. des Abhängigen. Sie schaffen es nicht, angekündigte Drohungen („Wenn du nicht aufhörst, verlasse ich dich!“) in die Tat umzusetzen und fühlen sich häufig der Situation völlig machtlos ausgeliefert. Zum Thema Co-Abhängigkeit gibt es eigene Selbsthilfegruppen. Aber auch Einzeltherapie kann hier wertvolle Unterstützung liefern, sich aus der Abhängigkeit von der Abhängigkeit zu lösen.

Quellen:

Anzenberger, Judith; Busch, Martin; Grabenhofer-Eggerth, Alexander;
Hojni, Markus; Klein, Charlotte; Schmutterer, Irene; Strizek, Julian; Tanios, Aida (2019): Epidemiologiebericht Sucht 2019. Illegale Drogen, Alkohol und Tabak. Gesundheit Österreich, Wien

Neurologen und Psychiater im Netz: Was ist Sucht / eine Suchterkrankung (abgerufen am 27.01.2022)

 

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